»Vorbilder der Weiterbildung« zum Deutschen Weiterbildungstag geehrt
»Ehrenpreise des Deutschen Weiterbildungstages 2008« in fünf Kategorien verliehen/ Feierliche Ehrung mit 200 Gästen und prominenten Laudatoren
Berlin. Zum Auftakt des »Deutschen Weiterbildungstages« wurden heute in Berlin die »Vorbilder der Weiterbildung 2008« geehrt. Eine elfköpfige Jury aus verschiedenen Unternehmen, Verbänden und Einrichtungen der Weiterbildungsbranche hatte zuvor nach intensiver Diskussion entschieden und in fünf Kategorien die Preisträger gekürt.
Als »Vorbilder der Weiterbildung« wurden Menschen oder Projekte ausgezeichnet, die im positiven Sinne für Weiterbildung und Lebenslanges Lernen stehen. Dabei reicht das Spektrum der Geehrten von Herlind Kasner, einer 80-jährigen »Dozentin aus Leidenschaft« aus dem brandenburgischen Templin, die seit 34 Jahren ohne Unterbrechung Fremdsprachen unterrichtet, über das Münchner Projekt »Berufsvorbereitende Maßnahme Sport«, bei dem schwierige junge Männer über Sport eine »Zweite Chance« zum Berufseinstieg erhalten bis hin zur Alstom LHB GmbH aus Salzgitter, die als »Vorbildliches Unternehmen« ausgezeichnet wurde, weil sie nicht über Fachkräftemangel klagt, sondern etwas dagegen tut.
Die Preisträgerinnen und Preisträger nahmen die undotierten Ehrenpreise im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung mit rund 200 Gästen aus Politik, Gesellschaft und Weiterbildungsunternehmen entgegen. Laudatoren waren unter anderem Schauspieler Peter Lohmeyer und Rita Süssmuth, Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes.
Der »Deutsche Weiterbildungstag« wird am 26. September 2008 als bundeswei-ter Aktionstag mit rund 500 Veranstaltungen in ganz Deutschland begangen. Er soll angesichts des anhaltenden Fachkräftemangels und mangelnder Weiterbil-dungsbeteiligung in Deutschland auf die Bedeutung von Weiterbildung hinweisen. Vor dem Hintergrund der bevorstehenden politischen Ereignisse – unter anderem der Bund-Länder-»Bildungsgipfel« Ende Oktober – kommt dem Weiterbildungstag 2008 eine besondere Bedeutung zu.
Die »Vorbilder der Weiterbildung« 2008
Alstom LHB GmbH in der Kategorie »Vorbildliches Unternehmen«
Die Alstom LHB GmbH, Teil des weltweiten Alstom-Konzerns mit ca. 65.000 Beschäftigten in über 70 Ländern, hat sich auf ein besonderes Experiment eingelassen: In Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Wolfenbüttel, der Technikerschule Braunschweig und der Weiterbildungseinrichtung ARBEIT UND LEBEN Braunschweig initiierte das Unternehmen ein Modellvorhaben, um Facharbeitern ohne Abitur ein Studium zu ermöglichen. Dabei werden junge Fachkräfte in Vorbereitungskursen auf die externe Prüfung an der FH vorbereitet: ein halber Tag Werkbank, ein halber Tag Vorbereitungskurs. Alstom, Marktführer im Energie- und Transportbereich, vergibt Verträge mit Wiedereinstellungsgarantie und bei Bedarf Stipendien. Die Begeisterung aller Beteiligten ist hoch: für Mitarbeiter ist es »ein Sechser im Lotto«. Alstom-Personalleiterin Marion Engelhardt resümiert: »Damit haben wir es geschafft, eine Höherqualifikation für alle interessierten Mitarbeiter zu erreichen, denn nicht nur bei uns gibt es heute kein besseres Sparbuch als die eigene Qualifikation.« Und in Niedersachsen ist das Wort »Alstom Modell« bei Arbeitgebern, Gewerkschaften, Ministerien und Agentur für Arbeit inzwischen zum geflügelten Wort geworden: für innovative Weiterbildung.
Martha Ludwig in der Kategorie »Integration durch Bildung«
Martha Ludwig (51) kam Mitte der 80er Jahre aus Ghana nach Deutschland. Sie konnte nicht lesen, nicht schreiben, sie konnte keinen Brocken Deutsch. Lange Jahre war die Analphabetin aus dem gesellschaftlichen und sozialen Leben in Deutschland ausgeschlossen – schloss sich selbst aus, gehörte nicht dazu. Nach dem Besuch eines Alphabetisierungskurses an der Wipa Berlin änderte sich das schlagartig: Allein die Tatsache, dass sie nun Straßenschilder lesen könne, habe ihr ein unglaubliches Selbstbewusstsein vermittelt, so die 51-Jährige. Aus Freude darüber, endlich lesen und schreiben zu können und damit das Leben um sich herum zu verstehen, begann sie, ihre Erfahrung weiterzugeben und afrikanische Tanz- und Kulturkurse für Kinder anderer Kulturen – hauptsächlich aus Afrika – bei sich zuhause anzubieten. Während dieser fröhlichen Kurse bekommen die Kinder so ganz nebenbei die deutsche Sprache und vor allem die deutsche Kultur nähergebracht. Martha Ludwigs Motto: Jeder kann es schaffen.
Sylva Rother in der Kategorie »Aufstieg durch Weiterbildung«
Von der Gärtnerin zur Entwicklungsingenieurin im Fahrzeugbau – Sylva Rother ist ein wahrlich nicht alltägliches Beispiel für eine Karriere durch Weiterbildung. Das Besondere an der 38-Jährigen: Sie machte nach einer Gärtnerei-Ausbildung zunächst eine weitere Ausbildung zur Technischen Zeichnerin. Doch das reichte der ehrgeizigen jungen Frau nicht und sie entschied sich für ein berufsbegleitendes Fernstudium zur »Diplom-Ingenieurin (FH)« im Studiengang Mechatronik an der Wilhelm Büchner Hochschule in Pfungstadt bei Darmstadt. Das Studium absolvierte sie mit Einser-Diplom und arbeitet heute als Entwicklungsingenieurin bei ZF Friedrichshafen, einem deutschen Automobilzulieferer, der zu den weltweit führenden auf dem Ge-biet der Antriebs- und Fahrwerkstechnik zählt. Hier hat sich die Ingenieurin inzwischen fest in einer Männerdomäne etabliert und bringt dabei – wie schon zu Fernstudienzeiten – auch noch Familie und Beruf unter einen Hut.
Projekt »Berufsvorbereitende Maßnahme Sport« (»BVB Sport«) in der Kategorie »Zweite Chance«
Schulschwänzer, Dealer, Möchtegern-Machos – die Klientel von Christian Michl (45) klingt nicht wirklich geeignet für ein Ausbildungsprojekt. Ist sie auch nicht, und deshalb ist dieses Projekt so einzigartig: »Berufsvorbereitende Maßnahme Sport« heißt es sperrig oder griffiger: »BVB Sport«. Das Projekt wird von der Bundesagentur für Arbeit finanziert und der Deutschen Angestellten-Akademie (DAA) in München betreut. Erklärtes Ziel der rund 40 bis 50 jungen Männer in »BvB Sport«: einen Ausbildungsplatz bekommen, die Lehre machen und zu Ende bringen. Der Sport – Fußball oder Basketball – ist dabei meist das letzte Mittel, um an die Jungs heranzukommen, denn bei Wettkampf und Bewegung fühlen sie sich sicher, können zeigen, was sie draufhaben und werden selbstbewusster – nicht selten als Ersatz für schlechte Schulnoten. »Man kann eine Persönlichkeit, die etwas brüchig geworden ist, wieder zusammenkleben«, ist die Erfahrung der Projektverantwortlichen – und der Erfolg gibt ihnen recht: Von den Teilnehmern beginnen mehr als 70 Prozent nach der »BVB Sport«-Zeit eine Ausbildung, die meisten bringen sie zu Ende. Die Methode scheint nahezuliegen und doch ist »BvB Sport« in Deutschland das erste und bislang einzige Projekt dieser Art. Ein geglücktes Experiment, ein nur halb erwarteter Erfolg. Irgendwie auch ein kleines Sommermärchen.
Herlind Kasner in der Kategorie »Dozentin aus Leidenschaft – Leben für die Weiterbildung«
Es gibt zwei Zahlen, die beschreiben Herlind Kasners »Leben für die Weiter-bildung« ziemlich gut: 80 und 34. 80 Jahre alt ist Herlind Kasner in diesem Sommer geworden und 34 Jahre – ohne Unterbrechung! – unterrichtet sie jetzt Fremdsprachen. Bis heute leitet sie an drei Abenden pro Woche vier Englischkurse an der Volkshochschule Templin, alle Kurse gut besucht. Damit ist Herlind Kasner die mit Abstand langjährigste Dozentin der Kreisvolkshochschule Uckermark und sicher bundesweit einer der wenigen, wenn nicht die einzige Sprachendozentin, die in ihrem Alter noch so ein großes Volumen an Sprachunterricht bewältigt. Außergewöhnliche Energie gepaart mit geistiger Beweglichkeit zeichnen die leidenschaftliche Dozentin in ihrem Leben für und mit der Weiterbildung aus. Als sie vor über 50 Jahren von Hamburg nach Ostdeutschland übersiedelte, bedingt durch den Beruf ihres Ehe-mannes, bedeutete dies für sie nicht mehr aber auch nicht weniger als dass sie ihren erlernten und geliebten Beruf als Studienrätin in Englisch und La-tein im staatlichen Schuldienst der damaligen DDR nicht ausüben konnte. Für die Weiterbildung aber war das ein großer Gewinn. Denn somit konnte sie sich ganz auf die Aus- und Fortbildung Erwachsener konzentrieren und wurde nach der Wende schließlich mit Leib und Seele Volkshochschul-Dozentin. »Ich wundere mich immer, wenn mich Menschen fragen, ob ich das denn noch machen müsse«, sagt die 80-Jährige hellwach: »Natürlich muss ich nicht, aber das hier wird gebraucht. Und es macht mir wirklich großen Spaß!«
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Pressebüro Deutscher Weiterbildungstag, Petra Hennicke, Tel: 0221/ 298 48 52,
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